Ganztag

Individuelle Förderung

Übermittagsbetreuung

Zusätzliches Betreuungsangebot

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Johannes Vennemann

Der „gebundene Ganztag“ am Gymnasium St. Xaver

Wer pädagogische Verantwortung übernimmt, steht auch immer im Kontext der jeweils
historisch – gesellschaftlichen Bedingungen unter dem Anspruch des unbedingten Zweckes menschlicher Mündigkeit.

Als mit dem Schuljahr 2009/10 der „gebundene Ganztag“ am erzbischöflichen Gymnasium St. Xaver eingeführt wurde, war dies eine der einschneidendsten Neuerungen, seitdem das Erzbistum Paderborn vor zehn Jahren die Schule von den Steyler Missionaren übernommen hatte. Vorausgegangen waren dieser Entscheidung, den „gebundenen Ganztag“ sukzessive beginnend mit der Jahrgangsstufe 5 einzurichten, viele Überlegungen und Diskussionen zwischen Lehrern, Eltern, Schülern und Schulträger. Unumstritten war  der „gebundene Ganztag“ anfangs  nicht, auch wenn die entscheidende Schulkonferenz mit großer Mehrheit für dieses Modell stimmte und die Schulabteilung des Erzbistums die Genehmigung sofort aussprach. Man befürchtete  eine Einschränkung der Möglichkeiten der Kinder und Jugendlichen zu einer individuellen, an persönlichen und familiären Bedürfnissen orientierten Freizeitgestaltung im privaten Umfeld. Dagegen sind jedoch  die veränderten gesellschaftlichen Bedingungen (z. B. Berufstätigkeit beider Elternteile, Ein – Kind – Familien, Alleinerziehende) und die daraus entstehende Nachfrage nach ganztägiger Betreuung und Förderung der Schulkinder zu sehen.

Für das Gymnasium St. Xaver sind folgende Gründe ausschlaggebend:

 Gesetzliche Rahmenbedingungen 

Mit der Einführung des „achtjährigen Gymnasiums“ in NRW ist eine erhebliche Ausweitung der Wochenstundenzahl verbunden. Wenn man bei der Umsetzung auf organisatorische „Tricks“ verzichtet und pädagogisch sowie fachwissenschaftlich verantwortlich handelt, so ist Nachmittagsunterricht an einzelnen Tagen unerlässlich. Sinnvoll kann dieser Unterricht nur sein, wenn Schülern und Lehrern eine angemessene Mittagspause (Das Schulgesetz NRW gibt als Zeitvorgabe eine Stunde an.) ermöglicht wird. Diese muss die Möglichkeit zu einem warmen Mittagessen, Bewegungs- und Entspannungsangebote etc. enthalten. Durch die räumlichen Voraussetzungen des Gymnasiums (zwei Turnhallen, weitläufiges Schulgelände, Meditationsräume, Arbeitszimmer, Bibliotheken, Mensa) sowie die Bereitschaft der Kollegen/innen, sich in diesem Bereich produktiv einzubringen, werden die angesprochenen Zielsetzungen realisiert.

In diesem Zusammenhang ist nun der „gebundene Ganztag“ zu sehen. Beim „gebundenen Ganztag“ – und nur für diesen wird im Zusammenhang mit der Ganztagsoffensive des MSW der 20%ige Stellenzuschlag gewährt- müssen alle Schülerinnen und Schüler der betreffenden Jahrgangsstufen an mindestens drei Tagen in der Woche mindestens sieben Zeitstunden anwesend sein. In diesen Zeiten ist die Mittagspause enthalten. Im Bereich der Sekundarstufe I bedeutet der „gebundene Ganztag“ deshalb nur eine geringfügige Ausweitung der Anwesenheit der Schüler in der Schule. Im Gymnasium St. Xaver endet der Unterricht montags, mittwochs und donnerstags in der Regel nach der achten Stunde (14:45 Uhr), dienstags und freitags nach der sechsten Stunde (13:05 Uhr).

Die Jugendlichen stärken durch ein Mehr an Stunden 

Der Stellenzuschlag ermöglicht uns eine Verstärkung des pädagogischen Personals (Einstellung einer pädagogischen Fachkraft) und eine Verbesserung des pädagogischen Angebots unserer Schule. Bedingt durch ein Mehr an Stunden, das einer Ganztagsschule zur Verfügung steht, können wir den jungen Menschen stärken. Neben der oben skizzierten Mittagspause haben wir in der Erprobungsstufe sogenannte Neigungsfächer eingerichtet, die es den Schülern ermöglichen, ihre individuellen Vorlieben und Fähigkeiten weiterzuentwickeln. In allen Jahrgangsstufen der Sek. I gibt es eine Lernzeit, in der Hausaufgaben unter Aufsicht eines Fachlehrers angefertigt werden. Teilweise ist es bereits möglich, in den Lernzeiten die Klassengrößen zu halbieren.

Ergänzt wird der verpflichtende Teil des „gebundenen Ganztages“ durch eine tägliche Hausaufgabenbegleitung, die durch Fachlehrer der Schule geleitet wird, so dass eine enge Verbindung zum Unterricht und eine große Verlässlichkeit gewährleistet sind. Je nach Gruppengröße unterstützen ältere Schüler die Lehrkräfte bei dieser Arbeit. „Schüler helfen Schülern“ ist dabei nicht nur aus fachlicher Sicht bereichernd, dieser Aspekt fördert auch Sozialkompetenz und schulisches Miteinander.

Des Weiteren ermöglichen vielfältige Arbeitsgemeinschaften, dass die Schüler ihren unterschiedlichen Interessen und Bedürfnissen nachgehen können. Neben den Lehrkräften und älteren Schülern sind hier auch, wie im „Ganztagserlass“ ausdrücklich angeregt, externe Organisationen (Sportvereine, BDKJ etc.) tätig.

Wir sehen uns nicht als Konkurrenz, sondern möchten als Schule im ländlichen Raum Kindern und Jugendlichen die Chance bieten, Gemeinschaft zu erleben und Aktivitäten auszuüben, die nur mit vielen anderen zusammen möglich sind (z. B. Orchester-Chorarbeit). Die demografische Entwicklung verpflichtet die Schule, über den eigenen Bereich hinaus, in Zusammenarbeit mit anderen Trägern und Verbänden, Unterstützung für eine allgemeine kulturelle Entwicklung abseits der Ballungsgebiete anzubieten.

Als ehemalige Internatsschule der Steyler Missionare war die Begleitung der Schüler über den reinen Fachunterricht hinaus selbstverständlicher Teil der Schulkultur. Die Einführung und Gestaltung des „gebundenen Ganztages“ basiert auf diesen Erfahrungen und setzt diese unter veränderten Rahmenbedingungen fort. Schüler, Lehrer und auch Eltern müssen sich dabei aber gemeinsam auf den Weg machen, denn Schulgemeinde bildet nicht nur eine Lehr- und Lerngemeinschaft, sondern auch eine Erziehungsgemeinschaft, gerade bei einer Ganztagsschule. Diese will familienergänzend, nicht familienersetzend sein.  Deshalb enthält sie Elemente, die die Erziehungsbereitschaft und –fähigkeit der Familien stärken. Wir nehmen hier schon wahr, dass immer mehr Familien sehr stark belastet sind. Dann fehlen oft die inneren Ressourcen, um mit neuen Problemen, die sich zum Beispiel im Schulalltag der Kinder ergeben, umzugehen.

Ausschlaggebend bleibt ein ganzheitliches Menschenbild. Wir sehen den Jugendlichen nicht als isolierte Person, sondern eingebunden in viele soziale Bezüge und betrachten ihn auch nicht nur unter dem Blickwinkel einzelner Stärken und Schwächen, sondern sehen diese als Eigenschaften unter vielen anderen.

Nur so kann der junge Mensch dazu befähigt werden anzuerkennen, dass Freiheit und Würde des Einzelnen unabhängig von Alter und gesellschaftlicher Stellung sind, nur so erreicht er menschliche Mündigkeit.