Mehr Verantwortung für den eigenen Lernprozess

Tablets als digitale Lernbegleiter am Gymnasium St. Xaver

(pz). Seit den Sommerferien arbeiten die Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 8 und 10 am Gymnasium St. Xaver mit iPads. Darüber hinaus stehen den Lernenden und Lehrenden der übrigen Jahrgangsstufen weitere 180 Tablets  für den ausschließlichen Einsatz in der Schule zur Verfügung. Grund genug, nach einem Dreivierteljahr des digitalen Lernens eine erste Bilanz zu ziehen.

Unbestritten ist: Digitale Medien bieten eine Vielzahl neuer Möglichkeiten für den Unterricht. Das zeigt sich bereits bei der Anwendung der Tablets in den unterschiedlichen Fächern. Während zum Beispiel im Sportunterricht der Jahrgangsstufe 10 die Schülerinnen und Schüler ihre Bewegungen bei der Durchführung eines Korblegers im Basketball aufzeichnen und anschließend durch das Abspielen im Zeitlupen-Modus analysieren können, um ihre Wurftechnik zu verfeinern, kann im Deutschunterricht in einer Klasse 8 ein Naturgedicht nicht nur „klassisch“, sondern auch filmisch interpretiert werden: Die Jugendlichen erstellen in Gruppenarbeit kurze Filmsequenzen, die ihrer Ansicht nach zu dem Gedicht und der jeweiligen literarischen Strömung passen, und unterlegen diese mit einem Vortrag des Gedichts. Bei der anschließenden Präsentation wird gemeinsam überlegt, welcher Film dem Text am besten gerecht wird – all das mit hoher Motivation und viel Spaß.

Im Musikunterricht werden interaktive Portfolios über Mozarts Oper „Don Giovanni“ erarbeitet. Und im naturwissenschaftlichen Unterricht haben die Schülerinnen und Schüler nicht nur die Möglichkeit, einen Versuch mehrere Male anzuschauen, weil sie diesen vorher in einem Film aufgezeichnet haben. Vor allem bietet ihnen die Augmented Reality-Technologie die Möglichkeit, Objekte dreidimensional vor sich zu sehen. Da kann zum Beispiel ein Motor mit sämtlichen technischen Details oder sogar der menschliche Körper mit seinen Organen in allen Ebenen betrachtet und im Hinblick auf seine Funktionsweise untersucht werden.

Dabei wird deutlich: Durch den Einsatz der Tablets verändert sich der Unterricht. Das ist auch deswegen in viel stärkerer Weise als früher der Fall, weil nicht mehr ein Informatikraum aufgesucht werden muss, um auf digitale Medien zugreifen zu können. Vielmehr stehen diese den Schülerinnen und Schülern in Form der iPads nun permanent zur Verfügung. Dass damit – neben der geschilderten Anzahl an Möglichkeiten − auch Probleme und Schwierigkeiten verbunden sind, ist eine Erfahrung, die die Schülerinnen und Schüler ebenso wie die Lehrerinnen und Lehrer machen.

Umso wichtiger erscheint es den Verantwortlichen am Gymnasium St. Xaver, diesen Prozess bewusst – in Absprache mit allen Beteiligten – zu steuern und immer wieder das eigene Handeln zu reflektieren. Neben internen Fortbildungen und Konferenzen im Lehrerkollegium und einer Umfrage unter den Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufen 8 und 10, die den eingeschlagenen Weg als positiv bewerteten, bedeutet das auch, den Einsatz der iPads im Unterrichtsalltag immer wieder kritisch zu hinterfragen: Erscheint die Arbeit mit digitalen Medien in dieser oder jener Unterrichtsphase überhaupt sinnvoll oder kann hier nicht viel besser auf „klassische Medien“ wie Heft, Füller oder Tafel zurückgegriffen werden, um den Unterrichtsgegenstand im wahrsten Sinne des Wortes zu „be-greifen“? Und wieviel Zeit wurde bereits vor dem Bildschirm verbracht? Ist daher nicht eher eine Pause oder eine Arbeitsphase mit analogen Medien empfehlenswert?

„Wir streben eine Vermischung der Lernformen an“, wie Severin Girolstein, Medienkoordinator am Gymnasium St. Xaver, betont. Es gehe eben nicht darum, traditionelle Lern- und Lehrmethoden durch digitale Medien zu ersetzen, sondern sie zu ergänzen und so die Medienkompetenz der Schülerinnen und Schüler Tag für Tag zu fördern. Deswegen spricht er im Zusammenhang mit den iPads auch von „digitalen Lernbegleitern“, die es den Schülerinnen und Schülern ermöglichen, mehr Verantwortung für den eigenen Lernprozess zu übernehmen – ein weiteres Argument, das für den Einsatz von Tablets spricht, und eine Erfahrung, die die Lehrerinnen und Lehrer in den Jahrgangsstufen 8 und 10 teilen: Der Unterricht sei durch die Arbeit mit den iPads viel stärker projektbezogen. Dies gebe ihnen mehr Zeit, die Jugendlichen und jungen Erwachsenen in ihrem Lernprozess zu begleiten.

Dass die Schülerinnen und Schüler aber auch an den Umgang mit den digitalen Endgeräten herangeführt werden müssen, steht außer Frage. Deshalb werden in den Jahrgangsstufen 8 und 10 Workshops durchgeführt, in denen jeder einzelne mit der Funktionsweise seines iPads vertraut gemacht wird. Und bereits ab der Jahrgangstufe 5 lernen die Schülerinnen und Schüler im Informatikunterricht neben dem Zehn-Finger-Tastschreiben wichtige Grundlagen kennen, die in der digitalen Welt von Bedeutung sind.

Dass sich solch eine intensive Auseinandersetzung mit den neuen Medien bezahlt macht, zeigte sich während der jüngsten Homeschooling-Phase. Vor allem stellt diese Form der Digitalisierung aber auch einen spannenden Prozess im Rahmen der Schulentwicklung dar, der zweifelsohne vielversprechend ist.

Zum Titelbild: Arbeit in Projekten: Die Erfahrung der vergangenen Monate zeigt u. a., dass mit Hilfe der Tablets im Unterricht stärker projektbezogen gearbeitet werden kann.

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