Viele neue Berichte aus Bolivien!

Schüler und Lehrer berichten von ihren Eindrücken auf der Bolivienreise

Tapacari (Schild)(pz). Über zweieinhalb Wochen ist eine neunköpfige Reisegruppe in Bolivien unterwegs, um all diejenigen Hilfsprojekte der Steyler Missions-schwestern zu besuchen, die die Schüler, Eltern und Lehrer des St. Xaver in den vergangenen Jahren unterstützt haben. Dabei werden sie immer wieder versuchen, die Schulgemeinde mit Hilfe von Nachrichten zu informieren.

Bitte beachten: Es folgen zahlreiche neue Berichte aus Bolivien!

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Bad Driburg, den 12.10.2015:

Wir sind gut und heil zurück in Deutschland! Nach einem ruhigen Tag in La Paz, an dem noch Ausflüge und kleinere Einkäufe unternommen wurden, sind wir gestern Morgen vom Flughafen in El Alto gestartet und nach einem langen Flug über Santa Cruz und Madrid wieder glücklich in Deutschland gelandet.

Für all die Unterstützung, die wir in den vergangenen Tagen und Wochen durch das Sammeln der Schul- und Hilfsmaterialien, aber auch in Form von Nachrichten, Gedanken und Gebeten erfahren haben, möchten wir uns noch einmal herzlich bedanken! All das hat sehr gut getan und wir konnten die Materialien an die Schüler und Lehrer in Tapacari übergeben, die sich darüber mehr als gefreut haben! Darüber werden wir – auch in einem Film, den Esther Kleine während unserer Fahrt gedreht hat – noch berichten…

Mit vielen Grüßen – insbesondere auch von den Menschen in Bolivien, denen wir begegnen durften!

Die Bolivienfahrer

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La Paz, den 10.10.2015:

Unser letzter Tag in BOLIVIA!

An unserem letzten Tag in La Paz teilten wir uns in zwei Kleingruppen: Gruppe „Kulturprogramm“  und Gruppe „Entspannter letzter Tag“. Die kulturbegeisterte Gruppe fuhr noch mal durch El Alto und Laja, um an eine historische Inkakulturstätte zu gelangen, Tiwanaku. Auf Grund des weiten Weges, mussten die Anhänger dieses touristischen Highlights sehr früh aufstehen und das Frühstück ohne den Rest der Gruppe oben im  Frühstückssaal (der einen Blick über einen Großteil von La Paz bot) genießen. Die Restlichen von uns hatten viel Zeit und konnten dadurch ausschlafen und lange frühstücken.

Nach dem Frühstück haben wir uns dann auf den Weg zur Station des „Teleférico verde“ (Seilbahn) gemacht, da wir am Vortag Empfehlungen für diese bekommen haben und wir ohnehin gerne noch mehr von La Paz sehen wollten. Der „Teleférico verde“ brachte uns aus dem Tal, in dem wir bisher waren zunächst einen Berg hinauf. Bei dieser Auffahrt sahen wir ganz deutlich, dass die Häuser zunehmend weniger verkommen aussahen, und oben auf dem Berg standen sogar große Villen, Villen wie man sie hier bei uns in Deutschland auch finden kann. Der Weg abwärts, in das nächste Tal, brachte uns dann allerdings noch mehr ins Staunen, als die Villen auf dem Berg. Dort sahen wir nämlich zahlreiche Hochhäuser, Wohnhäuser, die nahezu dem deutschen Standard entsprachen, modernere Autos, lediglich kaum traditionell gekleidete Cholitas und sogar das uns sehr gut bekannte Zeichen von Burger King. Kurzum: Wir fühlten uns wie in einer Parallelwelt. In dieser fuhren Menschen angeschnallt Auto und hielten an Zebrastreifen – so etwas hatten wir zuvor nirgends in Bolivien erlebt. An einer Ecke sahen wir sogar ein Möbelgeschäft, was mit seinen modernen Möbeln warb und groß auf seinen Scheiben etwas von der „Neuen Sachlichkeit“ stehen hatte – JA, auf Deutsch, wir waren ebenso verwundert.

Nach einem Spaziergang durch diesen Teil von La Paz kehrten wir zur Station des „Teleférico verde“ zurück und fuhren wieder in das Tal aus dem wir vorher kamen; das Tal mit unserem Hotel, den vielen Cholitas, kaputten Autos, vielen „Truffis“ (Minibus-Taxis),…

Nach unserem kleinen Ausflug legten wir dann einen kurzen Zwischenstopp im Hotel ein. „Mal eben frisch machen und das WLAN genießen.“ Und dann gingen wir zum Mittagessen in ein kleines Szenelokal, welches wir bereits am Vortag, auf Grund des leckeren Kuchens vor der Tür, kennengelernt hatten: das “Glady’s”. Die Speisekarte dort war sehr umfassend, die Auswahl für ein Gericht fiel uns schwer und das was wir bestellten war köstlich, weshalb wir beschlossen dort am Abend noch mal mit allen gemeinsam einzukehren.

Zwischen unseren beiden Besuchen im “Glady’s” ging es dann allerdings noch ein letztes Mal in die zahlreichen Shoppingstraßen für die Touris. Last-Minute-Souvenir-Shopping war angesagt und wir stürzten uns in die Läden der Einheimischen, um ihre Waren zu begutachten, und das, was uns gefiel, nach kurzer Verhandlung und Einigung auf einen Preis für uns und unsere Lieben als Andenken an diese besondere Zeit in Bolivien zu kaufen.

Als wir alle Souvenirs besorgt hatten, gingen wir wieder zurück ins Hotel, um bis zum gemeinsamen Abendessen noch mal das freie WLAN auszunutzen. Als die anderen dann allmählich von ihrer „Kulturtour“ wiederkamen, gingen wir gemeinsam ins “Glady’s” zum Essen und danach mussten wir bereits das ersten Mal Abschied von jemandem aus unserer festen Reisegruppe nehmen: Abschied von Schwester Annette, die uns bis dahin mit ihrem Wissen über die bolivianischen Umstände und Lebensweisen unterstützt hat. Sie selbst blieb nämlich noch etwas länger in Bolivien, um alte Bekannte zu besuchen und etwas “Missionsarbeit” zu leisten.
Der Abschied von unserem Kamerateam erfolgte auch noch am selben Abend, als wir unsere Koffer packten, da sie einen anderen Rückflug als wir gebucht hatten und noch in der Nacht das Hotel verließen, was wir erst gegen 6 Uhr am nächsten Morgen mussten. Für uns folgte also noch eine letzte Nacht in Bolivien, die wir alle – mehr oder weniger – schliefen, bevor es dann endlich heim ging.

Lisa Bogdanski

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Titicacasee, den 07./08.10.2015:

„Nein, nicht Brasilien und Zuckerhut! Wir sind in Bolivien in Copacabana!“

Etwa drei Stunden aufregende Fahrt von La Paz mit der „Flota“ (bolivianische Linienbusse) liegen hinter uns, als wir nach eher karger Gebirgslandschaft ein „Meer von See“ erblicken. Die Sonnenstrahlen reflektieren den blau-grünen Titicacasee und die „Cordillera“ wirkt noch beeindruckender als zuvor. An einer Seeenge setzen wir über. Die Passagiere auf einem separaten Boot und der Bus auf einer Art Floß in Schieflage. Beeindruckend, wie dies funktioniert. In Deutschland wäre diese Überfahrtmethode undenkbar!

Nach einer weiteren Stunde Fahrt erreichen wir die in einer Bucht liegende Copacabana. Nach ereignisreichen und auch hektischen Tagen in Cochabamba und La Paz erscheint der Drei Tausend Seelen-Ort als Balsam für die Seele. Kristallklares blaues Wasser, leichter Wellengang und die kleinen Fischerboote erscheinen uns wie Urlaub. Wir gönnen uns ein Hotel mit eindrucksvoller Seesicht und freuen uns auf zwei Tage „Ferien“.

Am Abend begeben wir uns auf einen Rundgang durch das Städtchen und entdecken die vielen verschiedenen Touristen aus aller Welt sowie die namenhaften Restaurants und Bars speziell für Touristen. Seeluft macht hungrig! Ein Glück, dass eine Delikatesse des Titicacasees die Forelle ist. Bei Kerzenschein und Urlaubsstimmung lassen wir den Abend ausklingen.

Am nächsten Morgen kitzeln uns die Sonnenstrahlen wach. Frühstück mit Sicht auf den See – da schmeckt es doch viel besser!

Im Anschluss gestaltet jeder den Tag nach seinem „Gusto“: Einige fahren zur berühmten „Isla de Sol“, wo sie u. a. eine bereits zur Zeit der Inka erbaute Treppe inmitten eines herrlichen, durch ein Wassersystem versorgten Gartens hinaufsteigen. Andere mieten sich Tretboote und Kajaks oder machen einen langen Spaziergang und besteigen einen Kalvarienberg, der aussieht wie der brasilianische Zuckerhut in Rio de Janeiro und eine beeindruckende Sicht über die „Cordillera“ und den See bietet. Vor allem überraschen dort aber die neben dem Kreuzweg zu findenden Altäre, an denen Opfergaben dargebracht werden, – ein Beispiel für den Synkretismus, der seit einiger Zeit in Bolivien vorherrscht. Rituale der früheren, vor der Zeit der „Conquista“ vorherrschenden Religionen werden wieder mehr und mehr begangen.

Auch diesen zweiten „Ferientag“ in Copacabana lassen wir bei Pizza, Pasta und Forelle ausklingen, – allerdings nicht allzu lange, da es morgen mit dem Bus zurück nah La Paz gehen wird, wo wir vor unserem Abflug nach Deutschland noch einen Tag verbringen möchten.

Julia Assmuth und Christoph Paetzold mit vielen Grüßen vom Titicacasee

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La Paz, den 06.10.2015:

Liebe “Daheim-Gebliebenen”,

unser heutiges Ziel hieß Laja, eine kleine Ortschaft im Altiplano. Hier arbeiten die Frauen der sogenannten “Strickkooperative”, von der wir jedes Jahr kurz vor Beginn der Adventszeit all die Textilien wie Schals, Mützen und Handschuhe erhalten, die wir am “Tag der offenen Tür” verkaufen.

Mit einem der zahlreichen bunt angemalten Stadtbusse machen wir uns am Morgen auf zu einer der drei Seilbahnen. Diese wurden erst vor wenigen Jahren erbaut und verbinden das im Tal liegende La Paz mit dem auf dem Berg liegenden El Alto, – eine gute Idee, wie wir alle finden, denn die Fahrt mit den Seilbahnen ist auch für die einfache Bevölkerung erschwinglich und entlastet den Autoverkehr. Vor allem aber ist der Blick während der Fahrt mit der Seilbahn einmalig: unter uns die zahlreichen ineinander verschachtelten Gebäude, Autos, Busse und Menschen und dann ein Stadtteil, der aus einem großen Friedhof mit Gräbern und riesigen Grabhäusern besteht. Im Hintergrund sehen wir die gesamte Fahrt über die schneebedeckten Anden, – ein herrlicher Anblick!

Oben in der Seilbahnstation in El Alto angekommen erwartet uns eine große Ansammlung von Autos, Bussen und Menschen, die zu Fuß unterwegs zur Arbeit sind. Darunter mischt sich ein Demonstrationszug mit Flaggen und Bannern. Am Wegesrand sitzen darüber hinaus vermummte Schuhputzer. Sie prägen das gesamte Stadtbild und sind laut Sr. Annette nur deshalb vermummt, weil sie Sorge haben, von Bekannten oder gar Familienmitgliedern erkannt zu werden. Das Schuheputzen ist schließlich eine der niedrigsten Arbeiten in Bolivien! Und dann entdecken wir noch kleinere Altäre am Straßenrand, an denen Feueropfer dargebracht werden, ein Beispiel für das Erstarken alter Rituale. Durch dieses bunte Getümmel bahnen wir unseren Weg, bis wir den richtigen Kleinbus gefunden haben, der uns nach Laja bringen soll.

Er fährt zunächst durch die unendlich lang erscheinenden Straßenzüge El Altos. Am Wegesrand befinden sich viele halbfertige Neubauten, die bereits bewohnt werden und die darauf hinweisen, dass immer mehr Menschen in die Großstadt ziehen. Nach einer halbstündigen Fahrt werden die Häuser immer weniger und schließlich sehen wir nur noch Felder und eine weite, Tundra-ähnliche Ebene, die bis zu der schneebedeckten Andenkette reicht. Zu unserer Überraschung ist es nun jedoch nicht mehr weit bis Laja, d. h. in wenigen Jahren wird dieser Ort bei wachsender Bevölkerungszahl mit der Großstadt El Alto verbunden sein.

Auf dem Marktplatz in Laja verlassen wir den Kleinbus. Unser erster Blick fällt auf die große steinerne Kirche. Sie stammt bereits aus dem Jahr 1548. Das bedeutet, dass die Spanier etwa fünfzig Jahre nach der Entdeckung Lateinamerikas schon weit ins Landesinnere vorgedrungen waren. Der Baustil der Kirche erinnert uns zudem an Kirchen aus Westernfilmen.

Vom Marktplatz sind es nur einige Meter bis zum Haus der „Strickkooperative“. Hier heißt uns eine bereits aus E-Mails bekannte Frau willkommen: Emma ist die Lehrerin der Gruppe, d. h. sie leitet die anderen Frauen im Stricken und Nähen an und achtet darauf, dass die hergestellten Textilprodukte die nötige Qualität besitzen.
Nach und nach kommen auch die anderen Frauen hinzu. Sie stammen aus den umliegenden Ortschaften und legen die Strecke nach Laja zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurück. In ihren bunten Decken, die sie auf dem Rücken tragen, haben sie für uns ein Festmahl mitgebracht: Es soll Hühnchen, Kartoffeln und Salat geben. Doch bevor sie sich an die Arbeit in die Küche begeben, kommen wir zunächst bei Cola, Fanta und Sprite mit ihnen ins Gespräch. Dabei wird deutlich, wie wichtig die Arbeit in der „Strickkooperative“ für sie ist und was sie ihnen bedeutet. Allerdings gibt es in Deutschland nur wenige „Handelspartner“: Neben dem Gymnasium St. Xaver existieren nur drei weitere Einrichtungen, die ihre Produkte verkaufen, – viel zu wenig, wie auch die Frauen einräumen müssen.
Nichtsdestotrotz wird klar, wie wichtig dieses Projekt ist, denn es bewahrt die Frauen davor, es vielen anderen Bolivianerinnen auf dem Land gleichzutun und in die Stadt zu ziehen, um eine bessere Arbeit zu finden, – eine Hoffnung, die sich in vielen Fällen nicht erfüllt. Vielmehr werden insbesondere Frauen in den Städten oft ausgenutzt, indem sie in ihrer Not und aufgrund ihrer Unkenntnis niedere Arbeiten annehmen müssen. So berichtete uns Sr. Annette, dass in den reicheren Vierteln der Großstädte viele Frauen vom Land als Hausmädchen zu Hungerlöhnen angestellt werden. Dabei komme es mitunter auch zu sexuellen Übergriffen durch den Hausherrn, – ein „Umstand“, den diese ertragen müssten, um ihre Arbeit nicht zu verlieren.

Nach diesem intensiven Austausch und einem großen gemeinsamen Mahl möchten uns die Frauen noch die Brücke zeigen, die die Schüler, Eltern und Lehrer des Gymnasiums St. Xaver vor einigen Jahren mit finanziert haben und die einen kleinen Fluss unweit Lajas überquert. Daher machen wir uns zu Fuß auf den Weg aus Laja heraus und gelangen in die weite Landschaft des „Altiplano“. Wir begegnen grasenden Kühen, Rindern und Lamas und kommen schließlich zur Brücke, die uns beeindruckt, da sie das Leben der Menschen auf dem Land spürbar erleichtert: Statt einen großen Umweg machen zu müssen, können diese nun mit Hilfe der Brücke direkt nach Laja gelangen.

Nach einem letzten Gang durch den Ort mit einem Besuch der bereits beschriebenen Kirche treten wir den Rückweg an. Dabei hängt jeder seinen eigenen Gedanken nach: Uns ist noch einmal vor Augen geführt worden, wie wichtig solche Hilfsprojekte wie die „Strickkooperative“ in Laja sind und wie sehr sie unsere Unterstützung benötigen, da gerade sie es sind, die den Menschen vor Ort eine Perspektive geben. Umso mehr hoffen wir, in Deutschland neue „Handelspartner“ für die „Strickkooperative“ zu finden.

Für heute mit vielen Grüßen aus La Paz!

Christoph Paetzold

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La Paz, den 04./05.10.2015:

Liebe “Daheim-Gebliebenen”,

wir sind gesund in La Paz angekommen! Nach einem kurzen Flug wurde uns allerdings sofort bewusst, wieviel kälter es in dieser Stadt ist: etwa um die 12 Grad Celsius! Und auch die Luft ist etwas dünner: Der Flughafen in El Alto liegt über 4000m Höhe, das benachbarte La Paz, in dem wir uns aufhalten und in dem wir  ebenso wie in Chochabamba in einem Kloster untergekommen sind, auf etwa 3600m Höhe. Trotzdem ist festzuhalten: La Paz gefällt uns rundum gut! Die Stadt wirkt – obwohl sie eine höhere Einwohnerzahl hat – viel ruhiger als Cochabamba und bietet vor allem eine Fußgängerzone mit vielen interessanten Restaurants und Geschäften. Das bedeutet, dass wir nicht so vor dem Verkehr flüchten müssen, wie dies in Cochambamba der Fall war. Vielmehr können wir die Stadt auch ein wenig genießen und das haben wir bereits gestern (4. Oktober)  und heute (5. Oktober) getan:

Nachdem wir gestern Abend bereits einen ersten “Abstecher” in die Innenstadt unternommen und in einem sehr europäisch wirkenden Restaurant zu Abend gegessen haben (…das musste einmal sein!), haben wir uns heute die Stadt noch einmal ausführlich angesehen: Die alten Gebäude aus der spanischen Kolonialzeit haben uns ebenso begeistert wie die vielen Stände mit traditionell gefertigten Produkten der Indigenas!

Heute Abend werden wir nun auf der mit Glas überdachten Dachterrasse unseres Klosters picknicken: der Ausblick auf die erleuchtete Stadt ist beeindruckend und hat uns bereits am gestrigen Abend gefesselt.

Im Namen aller Bolivienfahrer sende ich viele Grüße aus einem Internetcafe in der Innenstadt von La Paz!

Christoph Paetzold

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Cochabamba, den 03.10.2015:

Liebe “Daheim-Gebliebenen”,

während heute in Deutschland der deutschen Einheit gedacht wird, sind wir (einige Stunden später – der Zeitunterschied beträgt sechs Stunden) von einem ungewöhnlichen Geräusch geweckt worden: Regen prasselt auf das Dach bzw. an die Scheibe, – ein ungewöhnliches Phänomen, denn die Regenzeit setzt eigentlich etwas später ein. Sr. Maria Julia berichtet uns aber, dass es bereits einige kleinere Schauer vor der eigentlichen Regenzeit geben kann. Dieser Schauer zieht sich allerdings bis etwa zur Mittagszeit hin und so bleiben wir zunächst “zu Hause”, d. h. in “unserem” Kloster in Cochabamba, und ruhen uns ein wenig von den vielen Erfahrungen und Eindrücken der vergangenen Tage aus. Darüber hinaus übernehmen wir die Vorbereitungen für das Mittagessen: Es gibt Banananenpfannkuchen, – ein Überraschung für die anwesenden Schwestern, denen es aber – genauso wie uns – zu schmecken scheint.

Gestärkt von dem gemeinsamen Essen brechen wir am Nachmittag auf, um den deutschen Steyler Pater Michael Heinz zu besuchen. Er wohnt nur einige Straßen von uns entfernt in einem Haus der Steyler Missionare und berichtet uns bei Kaffee und Plätzchen von seinen Erfahrungen in Bolivien. Er lebt bereits seit zehn Jahren in diesem Land und verfügt dadurch über ein äußerst differenziertes Wissen zur hiesigen gesellschaftlichen und politischen Situation. Viele unserer noch offenen Fragen können dadurch beantwortet werden.

Nach diesem ausführlichen Gespräch entscheiden wir uns, eine der Touristenattraktionen in Cochabamba zu besuchen: die große Christusstatue, die sich auf einem nahegelegenen Berg befindet. Mit dem Taxi fahren wir zu einer Seilbahnstation und von dort aus geht es über die Dächer und Straßen der Stadt hinweg nach oben. Auf dem Berg begeistert uns der sagenhafte Ausblick, der sich uns bietet.

Zurück geht es wiederum mit der Seilbahn und in der einsetzenden Dunkelheit liegt uns die schon beleuchtete Stadt “zu Füßen”.

Mit einem Taxi fahren wir wiederum in die Innenstadt: In der Franziskanerkirche erwartet uns ein etwas gewöhnungsbedürftiges Musical zum Heiligen Franziskus, das im Rahmen eines Vorabendgottesdienstes aufgeführt wird.

Nach einer weiteren Fahrt mit einem Micro-Taxi nach Hause essen wir zu Abend, um gleich im Anschluss schon die ersten Sachen zu packen, – schließlich geht es morgen mit dem Flugzeug nach La Paz!

So sind wir gespannt, was uns in den folgenden Tagen erwarten wird und verbleiben mit herzlichen Grüßen!

Christoph Paetzold im Namen aller Bolivienfahrer

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Cochabamba, den 02.10.2015:

Am Freitag ließen  wir es ein wenig ruhiger angehen.  Sightseeing in der Metropole Cochabamba, shoppen auf dem quirligen Markt, Flüge buchen nach La Paz und Geld tauschen  in einschlägigen Wechselstuben. Einige von uns meinten, Reisebüro und Wechselstuben seien sehr fromme Einrichtungen, da die meisten  Bildillustrationen  einen Bezug zu Religion und Bibel hätten, und Schwestern in Ordenstracht wohl auch ihre Reisen buchen wollten. Wie auch immer – der anschließende Bummel über den riesigen Markt ließ keinen Zweifel: Hier gab es Alles, für jeden war etwas zu finden: riesige Obstangebote, Textilien, Kosmetikartikel, Haushaltswaren, Geschenk- und Kunstgewerbeartikel – das Kaufhaus der kleinen Leute, die sich keine teuren Sachen leisten können.

Unter anderem waren auch Fähnchen mit der bolivianischen Trikolore erhältlich und die so genannte Wiphala, die bunte Flagge der indigenen Ureinwohner der Staaten Bolivien, Ecuador und Peru (siehe Foto). So bepackt mit Souvenirs und Lebensmitteln gönnten wir uns einen kleinen Imbiss mit Kaffee,  Api und Gebäck und fuhren wieder zum Haus der Misioneras Siervas del Espiritu Santo.

Dr. Peter Kleine

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Cochabamba, den 01.10.2015:

Heute ging es an den Stadtrand von Cochabamba zum Projekt 20 de Octubre der Steyler Schwestern. Unter der Leitung von Sr. Jordana wird dort ein Gesundheitszentrum für die umliegende Bevölkerung betrieben. Sr. Jordana und ihr Team verfügen über Möglichkeiten, den Menschen der Umgebung medizinische Hilfe anzubieten, die mit natürlichen Mitteln zur Linderung  und Heilung ihrer Krankheiten beiträgt. Dazu besichtigten wir Sprech-  und Behandlungsräume, die hauseigene Apotheke und sogar einen zahnärztlichen Behandlungsstuhl. Bemerkenswert war die Tatsache, dass das Gesundheitszetrum in einer kritischen Umgebung lag, wo die hygienischen Bedingungen ungünstig und die sozialen Lebensverhältnisse  bescheiden ausfielen.

Dies konnten wir bestätigen, als wir die benachbarte Schule 20 de Octubre besuchten. Wie bereits in Titagallu blickten uns viele warmherzige und dankbare Kinderaugen an. Besonders Laura Bauckmann wurde von einer Gruppe kleiner Jungen und Mädchen ins Herz geschlossen. Ein Mädchen sprach für uns ein Gedicht, schließlich sangen die Kinder ein patriotisches Lied. Im Gegenzug musste unsere Gruppe auch ein deutsches Lied singen. Auffällig war der schlichte Schulkiosk, der sich draußen vor dem Treppenhaus befand (siehe Foto). Die Schülerinnen  trugen zum Teil Schuluniformen – weiße Kittel, in denen sie wie kleine Doktoren aussahen.

Viele der neugebauten Häuser standen noch leer, der Blick über das Tal machte deutlich, dass hier mit Mitteln des  sozialen Wohnungsbaus ein Beitrag zur Behebung der sozialen Missstände geleistet werden soll. Das Gesundheitsprojekt der Schwestern stellt einen imponierenden Baustein dieser Maßnahmen dar.

Dr. Peter Kleine

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Titagallu, den 30.09.2015:

Am Mittwoch, dem 30. September, verließen wir Tapacari, um nach Titagallu aufzubrechen. Titagallu ist ein kleines Nest in den Bergen, das wir  nach einer atemberaubenden Fahrt mit dem Trufi (Sammeltaxi für Kleingruppen) erreichten. Dort betreiben die Schwestern unter der Leitung von Sr. Victoria ein Internat für Mädchen und Jungen, die in den Bergen wohnen, aber nicht ständig nach Hause gehen können. Wir wohnten dem Unterricht bei, verfolgten die Pausen, die allesamt mit der Ausgabe von Bananen aus großen Kartons bereichert wurden. Dankbar und erwartungfroh begrüßten uns die Kinder auf Spanisch, obwohl viele von ihnen die traditionelle Sprache Quetchua sprechen. Wir wurden zum Mittagessen eingeladen: jeder von uns an einem Tisch mit den Schülerinnen und Schülern. Eine Person pro Tisch holte das Essen von der Ausgabe für alle ab. Das Essen wurde in Blechnäpfen serviert. Die Schülerinnen und Schüler  nahmen ihre Mahlzeit sichtlich erfreut und dankbar zu sich. Es gab Krautsalat, ungeschälte Kartoffeln, gekochten Mais, ein Ei und Trockenfleisch – alles in allem eine große Portion. Dazu einen Becher mit Aprikosensaft.

Den Höhepunkt des Besuches stellte die Überreichung eines riesigen, wunderbar verpackten  Geschenkes dar. Wir erhielten jeweils eine kleine Puppe, die namentlich für alle von uns von den Kindern angefertigt worden und in der landesüblichen Tracht gekleidet war. Zum Schluss machten wir einen Rundgang durch die gesamte Anlage und warfen einen Blick auf die Schlafräume der Kinder, das hauseigene Schwein, die Hühner und die Bäckerei. Titagallu ist zwar nicht wirtschaftlich autark, dennoch aber in der Lage, Vieles selbst zu produzieren und zu organisieren, was die Kinder zum Leben brauchen. Diese Lebensform wäre heutzutage an deutschen Schulen undenkbar.

Dr. Peter Kleine

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Tapacari, den 29.09.2015:

“¡Bue – Nos –Dí – As!” #DerMomentWennDich15SuesseKindergesichterAnstarren.
Und warum? Sechs Bleichgesichter und ein rotes (dem Sonnenbrand sei Dank) betreten den Klassenraum der „Segundo ‘A‘“ (der bolivanischen 2. Klasse) am „Collegio Sucre Tapacarí“. Die meisten der Kinder halten schüchtern ihre Hände vor ihr Gesicht. Kontaktaufnahme: Nicht einfach! Doch kann man es ihnen übel nehmen? Definitiv nicht! Schließlich sind Europäer, hier in Tapacarí, nicht oft geshen.

Wenig später hatten wir es dann doch geschafft ein paar Namen und das jeweilige Alter zu erfahren. Die Kinder tauten immer weiter auf und ein Mädchen konnte gar nicht mehr damit aufhören, uns zu zeigen, wie gut sie lesen konnte.

Gegen Mittag machten wir uns auf den Weg zurück zu den Schwestern, die schon mit einem leckeren Mittagessen auf uns warteten. Auch die Internatskinder bekamen ihr Essen, ein Mix aus Kartoffeln, Speck, Reis und Ei, zusammengewürfelt in einem riesigen Topf, diente zur Raubtierfütterung.

Nach einem ausgiebigen Sonnenbad nutzten wir die Möglichkeit uns mit den Kindern zu beschäftigen: Singen, Tanzen, Spielen, alles war dabei. Die Kinder freuten sich über die neuen Spielsachen, wie z. B. einen strapazierbaren Fußball oder auch eine Frisbee, die unglaublicher Weise bis zu dem Tag noch nie zuvor gesehen wurde.

Nach einer Maniküre für Mädchen aber auch Jungen und einem Heiratsantrag von dem kleinen Freddy klingelte die Glocke zum Abendessen. Im Speisesaal verabschiedeten wir uns von allen und bekamen als Abschiedsgeschenk eines der traditionellen Kostüme, die wir bereits bei der großen Fiesta kennenlernen durften. Eine unglaublich schöne Geste.

Langsam neigte sich auch auch der letzte Tag in Tapacarí dem Ende zu…

Viele Grüße nach Deutschland!

Lisa und Laura

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Tapacari, den 27./28.09.2015:

Am Sonntag besuchten wir die Hl. Messe und schlossen uns im Anschluss daran der Prozession zur Ehre der schmerzhaften Muttergottes an. Mit ungewohnter musikalischer Begleitung wurde eine lebensgroße Madonna durch das Dorf getragen, sie wurde verehrt mit Blumen, Geldscheinen und durch inbrünstige Versuche, den Mantel zu berühren und in der Nähe der Ikone zu sein.

Nachmittags wurden wir eingeladen, als Ehrengäste den Darbietungen der Internatsschüler auf dem Sportplatz beizuwohnen. Mit Tanz und Musik zogen uns Dutzende Schülerinnen und Schüler in ihren Bann und verbreiteten eine großartige Stimmung, die bis in den frühen Abend anhielt. Auch zahlreiche  Eltern der Schüler wohnten den Aufführungen bei und leisteten selbst einen musikalischen Beitrag. Sichtlich bewegt und angeregt verabschiedete sich unsere Gruppe und zog sich wieder in unser Domizil zurück.

Am Montag machten wir einen Ausflug in das Dorf Chilligua, das sich in sonnigen, aber äußerst luftigen Höhen befindet. Chilligua wird vorwiegend von indigenen Menschen bewohnt,  die in bescheidenen Lebensverhältnissen verharren. Bereits die  Fahrt nach Chilligua war  ein Abenteuer,  da nach wenigen Kilometern das Auto streikte und durch ein stärkeres Fahrzeug ausgetauscht werden musste. Als wir gegen Mittag  in Chilligua ankamen, wurden wir bereits erwartet. Das Essen befand sich in Vorbereitung: ein geschlachtetes Schaf lag auf der Steinmauer, das Feuer  wurde vorbereitet, das Holz mit einer Spitzhacke bearbeitet. War dies ausschließlich Männerarbeit, so wurden die Kartoffeln von den Frauen bearbeitet und gekocht. Nicht in einem Topf, sondern in einem improvisierten Lehmboden. Zur Überbrückung der Wartezeit spielten Herr Paetzold und Frau Assmuth mit den Kindern, später regten wir schließlich deutschsprachige Gesänge von “Atemlos” bis “Stille Nacht” an. Der Dorfbürgermeister  überreichte uns eine Carta de Solisitud und erklärte, dass die Dorfbewohner für ihre kleine Schule gerne auch ein Internado hätten. Endlich am Nachmittag war das Essen  bereitet, wir durften essen – mit den Fingern. Dazu gab es Saft aus dem Kanister und Musik von der Elternband, die bereits am Vortag in Tapacari aufgetreten war.

Mit Blick auf die bevorstehende Dunkelheit drängten wir alsbald zur Abreise, die nach herzlicher Verabschiedung erfolgte. Die abenteuerliche Rückfahrt bot uns phantastische Ausblicke auf die großartige Bergwelt und auf eine am Straßenrand grasende Lamaherde.

Dr. Peter Kleine

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Tapacari, den 26.9.2015:

Liebe “Daheim-Gebliebenen”,

nachdem heute morgen in der Frühe schon eine erste Nachricht verfasst wurde, soll nun noch eine zweite über die Ereignisse dieses Tages folgen.

Gegen 8 Uhr haben wir uns auf den Weg nach Tapacari gemacht. Dafür haben die Schwestern hier im Kloster extra einen der vielen Micro-Busse samt Fahrer gemietet, die hier in der ganzen Stadt unterwegs sind. Weil wir mit all den vielen schönen Sachspenden aus Deutschland allerdings sehr viel Gepaeck mit uns führen, wird schnell klar, dass wir nicht alles im Innenraum des Kleinbusses verstauen können. Kurzerhand steigt der Fahrer auf das Dach seines Wagens und Koffer und Rucksäcke werden ihm hochgereicht.

Nachdem alles sorgsam verschnürrt ist, geht es los, – zunächst über eine breite “Avenida” stadtauswärts. Wieder beobachten wir Menschen und Hunde, Geschäfte und Stände am Straßenrand. An Kreuzungen versuchen vereinzelt junge Männer, die Windschutzscheibe unseres Autos gegen eine Spende zu putzen, aber der Fahrer winkt ab. Auch ein Transport von vielen übereinander gestapelten Kartons von Eiern auf dem Gepäckträger eines Fahrrads wird beobachtet und bewundert.

Nach einer Weile machen wir kurz halt: Der Fahrer möchte das Gepäck auf dem Dach des Busses noch vor Staub schützen und zieht dafür notdürftig eine Plastikplane über Koffer und Rucksäcke, die er an den Seiten festzurrt. Wir nutzen die Zeit für einen kurzen Einkauf weiterer Wasserflaschen, – schließlich wissen wir ja nicht, ob es in Tapacari Trinkwasser zu kaufen gibt.

Mit etlichen weiteren “Botellas” im Gepäck geht es weiter. Nach weiteren zwanzig Minuten Fahrt müssen wir eine Maut-Station passieren. Dann folgt eine kurvige Landstraße, an deren Straßenrand wir immer wieder Hütten aus Stein oder Wellblech entdecken. Menschen scheinen hier zu wohnen, die mit großen Werbeschildern auf ihre Dienste aufmerksam machen: Sie putzen Lastwagen und Autos oder bieten wie Raststätten Getränke oder kleinere Snacks an.

Plötzlich fährt unser Fahrer an den rechten Fahrbahnrand, um auszuholen und den Minibus auf der Straße zu drehen. Direkt danach biegt er zu unserer Überraschung mit großem Tempo in einen Feldweg ein. Es rumpelt bedenklich aufgrund des unebenen, steinigen Untergrunds, aber mit dem durch die Beschleuning gewonnenen Schwung schafft es der Kleinbus, eine erste Bergkuppe zu nehmen. Wir bitten unseren Fahrer zu halten, denn ein erster sagenhafter Ausblick tut sich vor uns auf: Während wir auf staubigem, felsigen Boden stehen, befinden sich unter uns im Tal grüne Felder, die mit Hilfe einer Furchenbewässerung mit Wasser versorgt werden.

Auf dem Feldweg, der sich als eine Passstraße entpuppt, die uns durch eine zerklüftete Bergwelt führt, geht es weiter. Dabei befindet sich auf der einen Seite immer die nahe Felswand, während sich auf der anderen Seite der Abgrund auftut, – ein Anblick, der uns immer wieder leicht in Panik versetzt, besonders bei Gegenverkehr! Zugleich zieht der Staub, den unser Kleinbus aufwirbelt, ins Innere des Fahrzeugs ein und erschwert das Atmen. Beeindruckende Ausblicke begeistern uns aber immer wieder!

Nach einiger Zeit taucht unter uns ein breites, graues Flussbett auf, in dem sich kein Wasser befindet und das sich dementsprechend wie eine Steinwüste vor uns bis zur nächsten Bergkette erstreckt. Wir fahren hinein und entdecken Gruppen von Kindern und Erwachsenen, für die dieses Flussbett das Überleben sichert: Sie tragen kleinere und größere Steine heran und sieben mit Hilfe größerer Metallgitter Kieselsteine aus, die der Fluss während der Regenzeit angeschwemmt hat. Sowohl die Steine als auch der Kies werden von Lastwagen, die vermutlich zu Baufirmen gehören, abtransportiert.

Darüber hinaus machen wir die Entdeckung, dass wir nicht die einzigen sind, die in dem ausgetrockneteten Flussbett unterwegs sind. Vor uns und hinter uns fahren ebenfalls Busse, in denen viele Menschen sitzen. Sie alle sind, wie uns unserer Fahrer erklärt, nach Tapacari unterwegs, denn dort wird an diesem Wochenende die “Fiesta” des Jahres stattfinden: das Fest zu Ehren der schmerzhaften Jungfrau!

Nach einer weiteren Stunde Fahrtzeit taucht vor uns ein Ort am Fuße eines Berges auf, dessen Anblick uns nur allzu bekannt vorkommt: das Dorf Tapacari, das wir bereits von Fotos kennen. Unser Kleinbus verlässt das Flussbett, fährt in einem Bogen eine steile Straße hinauf und schon sehen wir die ersten Gebäude vor uns: auf der einen Seite eine kleine Krankenstation, auf der anderen das Internat mit vielen Kindern und Erwachsenen, die schon auf uns zu warten scheinen. Sie begrüßen uns herzlich und geleiten uns die steile Hauptstraße hoch zum Wohnhaus der Schwestern. Dabei wird uns beim Tragen unseres Gepäcks bewusst, auf welcher Höhe wir uns bereits zu befinden scheinen: Die Luft wirkt dünner und wir sind schnell außer Atem.

Nach dem Beziehen der Zimmer werden wir zu Tisch gebeten. In einem großen, von einem Wellblechdach bedeckten Aufenthaltsraum mit Holzbänken und einem langen Tisch in der Mitte wartet bereits ein Festmahl auf uns: Es gibt Hühnersuppe als Vorspeise, dann Reis und Fleisch und schließlich Papajas als Nachtisch. Wir essen zusammen mit den Schwestern, die sich als offen und freundlich erweisen und mit denen wir uns in einem “Kauderwelsch” aus Spanisch und Deutsch unterhalten.

Nach einer kurzen “Siesta” und einem anschließenden Kaffee machen wir uns auf den Weg, um unten am Fluss die Kinder und Lehrer des Internats zu treffen. Sie alle sind traditionell gekleidet und bereiten sich zusammen mit einer kleineren Blaskapelle auf einen Tanz vor, den sie gleich auf dem Fest zeigen werden. Mittendrin Jakob, ein junger Mann aus Deutschland, der als Missionar auf Zeit im Internat in Tapacari arbeitet und der aufgrund seiner Größe und Hautfarbe aus der Menge sticht.

Nach einiger Zeit setzt sich der Zug in Bewegung und zusammen mit den Kindern und Lehrern ziehen wir zu der lauten Musik der Blaskapelle durch das Dorf. Dabei führen die Kinder und Lehrer unentwegt ihren Tanz auf, – eine große konditionelle Leistung angesichts der Länge des Weges und des geringen Sauerstoffgehalts in der Luft!

Vor dem Rathaus, das, wie ein großes Plakat verkündet, vor kurzem, mit Hilfe des bolivianischen Präsidenten Evo Morales erbaut wurde, müssen die Kinder und Lehrer etliche Male ihren Tanz wiederholen. Wir nutzen die Zeit und schauen uns neben einigen Marktständen die Kirche des Dorfes an. Im Altarraum erstreckt sich zu Füßen einer festlich eingekleideten Marienstatue ein Meer von Blumen und darüber leuchten in Halogen-Buchstaben die Worte “Salve Regina” auf, – eine Form der Verehrung, die wir in dieser Fülle und Üppigkeit nicht gewohnt sind.

Müde von den Anstrengungen des Tages machen wir uns bei Einbruch der Dämmerung auf den Rückweg, um das Abendessen vorzubereiten. Es gibt Brot, Tee, Käse und Aufschnitt und es wird viel von den Eindrücken des Tages erzählt. Dann begeben sich alle ins Bett, denn schließlich möchten wir für den morgigen Tag ausgeschlafen sein, an dem wir einseits zusammen mit den Schwestern die in Deutschland gesammelten Materialien auspacken und andererseits viel Zeit mit den Kindern und Lehrern des Internats auf dem Fest verbringen möchten.

Mit vielen Grüßen aus dem nächtlichen Tapacari!

Christoph Paetzold

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Cochabamba, den 26.09.2015:

Liebe “Daheim-Gebliebenen”,

es ist 4 Uhr in der Frühe, aber an Schlaf ist (vermutlich wegen der Zeitumstellung) nicht mehr zu denken und so ist Zeit, die Ereignisse des gestrigen Nachmittags und Abends noch einmal zu notieren, bis es dann gleich auf nach Tapacari geht, wo wir vermutlich nicht mehr über Internet oder andere Kommunikationsformen verfügen.

Nach einem ausführlichen Mittagsschlaf haben wir uns gestern Nachmittag zu Fuß zum Supermarkt aufgemacht, um noch einige Dinge für Tapacari einzukaufen, – vor allem Trinkwasser, denn das Leitungswasser ist hier natürlich nicht genießbar.

Auf dem Weg merken wir: Wir leben hier in einem Viertel der Mittelschicht. Das fällt zwar nicht sofort auf, denn Vieles wirkt dreckig und verfallen, aber einige Häuser sind verputzt und vor allem sind sie von hohen Mauern umgeben. Auch unser Kloster, in dem wir untergebracht sind, hat eine Mauer und einen Zaun und auf der Mauer sind Glasscherben befestigt, damit niemand über sie hinweg steigen kann. Zudem ist ein Schild mitten auf der Straße bezeichnend. Auf ihm steht: “Wer hier stiehlt, wird gelyncht. Die Nachbarschaft.” Der große Unterschied zwischen armer und reicher Bevölkerungsschicht hat also auch hier Folgen und scheint ein gesellschaftliches Zusammenleben unmöglich zu machen.

Der Supermarkt ist riesig und das Angebot erschlägt: Allein die Auswahl an Kakaopulver umfasst ein langes Regal. Interessant ist vor allem: Viele Produkte gibt es auch in Deutschland, so u. a. “Kellogs Cornflakes” oder bestimmte Plätzchensorten.

Auch wenn wir nach einem Großeinkauf für fünf Personen mit umgerechnet 20 Euro auskommen, ist Sr. Annette, die lange Jahre hier gelebt hat, doch über die (für bolivianische Verhältnisse) hohen Preise erstaunt. Die einfache Bevölkerung kauft auf dem Markt und könnte sich einen Einkauf im Supermarkt gar nicht leisten.

Auf dem Rückweg fällt uns ein, dass wir unbedingt noch Geld für unseren Aufenthalt in Tapacari umtauschen müssen, denn dort gibt es natürlich keine Bank oder eine Wechselstube. Daher machen wir uns zu dritt noch einmal auf den Weg in die Innenstadt.

Es gibt hier ganz unterschiedliche Formen von öffentlichen Verkehrsmitteln: Taxen wie bei uns in Deutschland und Taxen, die wie Busse einen bestimmten Weg abfahren und bei denen man zusteigen kann; dann die großen, alten und bunt angemalten Busse, die einen an amerikanische Schulbusse erinnern, und zu guter Letzt die sogenannten “Micros”: Kleinbusse, die wie die großen Busse eine bestimmte Linie fahren.

Wir entscheiden uns für die “Linien-Taxen” und halten eines mit Handzeichen an. Es ist mit fünf Personen und einem Kleinkind schon gut gefüllt, aber hinten im Auto befindet sich noch eine zweite Sitzreihe und so steigen wir zu. Ziemlich “eingequetscht”, aber noch relativ gemütlich beginnt wiederum eine wilde Fahrt, dazu mit lauter Musik, aber irgendwie macht es Spaß und man erfährt zugleich eine Art “lateinamerikanisches Lebensgefühl”!

Auf der Fahrt sehen wir schöne Parks und Märkte, bunte Geschäfte, die allerdings – im Gegensatz zum Supermarkt – nicht so ein breites Angebot zu haben scheinen wie bei uns in Deutschland.

Immer wieder fallen uns auch die Kinder auf, die auf den Bürgersteigen zusammen mit ihren Müttern sitzen oder spielen, essen oder – an eine Hausmauer gedrückt – schlafen. Für sie scheint die Straße der Lebensraum zu sein und sie müssen zwischen laut hupenden Autos und Bussen in einer dazu noch von Abgasen angefüllten Beton-Umgebung aufwachsen.

Die Innenstadt ist – wie all die von den spanischen Kolonialherren geprägten Städte – aufgebaut wie ein Schachbrett: Die Straßen sind “gitterförmig” angelegt und so kann man sich trotz der vielen Menschen, die wie wir durch die Straßen flüchten –  immer wieder auf der Hut vor den nach einer Ampelphase heranrasenden Autos, Bussen und Taxen –  relativ schnell zurechtfinden.

Der Hauptplatz, ein wunderschöner Park umsäumt von Häusern im spanischen Kolonialstil, ist zur Zeit leider eine große Baustelle. Dafür finden wir die Bank, bei der wir das Geld umtauschen wollen (…in Deutschland erhält man leider nicht die bolivianische Währung), relativ schnell. Ein Wachmann in Militärkleidung öffnet uns freundlich die Tür und nach einigem Hin und Her haben wir unsere “Boliviaños”.

Dann machen wir uns auf die Suche nach einem geeigneten Gefährt für den Rückweg. Es herrscht “Rush-Hour” und die “Lienien-Taxen” sind alle schon belegt. Wir laufen eine Straße herunter, um doch noch ein freies Taxi erwischen zu können. Dabei begegnet man auf dem Bürgersteig immer wieder Verkaufsständen, Werbeschildern und Bettlern, die hier wie Tiere ihr Dasein fristen müssen.

Da es mit dem Taxi nichts wird, “entern” wir kurz entschlossen einen der bunt angemalten Linien-Busse, bei dem Sr. Anette meint, dass er in die richtige Richtung fährt. Zunächst ist dieser sehr voll und wir fahren auf dem Treppenabsatz bei geöffneter Tür mit. Das ist nicht schlimm, denn bei dem Verkehrschaos ist das Tempo nicht schnell und der frische Fahrtwind tut bei dem hier herrschenden Smog gut.

Nach einer etwa halbstündigen Fahrt erreichen wir tatsächlich unser Viertel und müssen in der Dunkelheit nur noch durch ein paar Straßen laufen, bis wir das Kloster, das übrigens ein einfaches Wohnhaus ist, wieder erreichen. Gemeinsam essen wir zu Abend und fallen dann todmüde ins Bett…

Von uns allen herzliche Grüße! Wir sind gespannt auf Tapacari!

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Cochabamba, den 25.09.2015:

Liebe “Daheim-Gebliebenen”!

Es ist 13.57 Uhr Ortszeit, während gleich in Deutschland die Tagesschau beginnt. Uns allen geht es sehr gut und wir sind überglücklich: Alles hat perfekt geklappt!

Gestern ging es um 18.30 Uhr vom Frankfurter Flughafen aus los. Zunächst flogen wir nach Madrid, von wo aus wir dann gegen Mitternacht zum “Sprung über den Atlantik ansetzten”.

Beim Betreten des Flugzeuges mussten wir allerdings mit ansehen, wie eine Frau nach Bolivien in Begleitung von zwei Polizisten abgeschoben wurde. Sie weinte bitterlich und schrie laut, man möge Erbarmen mit ihr haben und die Piloten rufen, die sich, wie wir später erfuhren, wohl des öfteren weigern, eine solche Abschiebung durchzuführen. Insgesamt eine dramatische und belastende Situation. Nach einiger Zeit –  das Flugzeug hatte noch nicht gestartet – wurde die Frau allerdings ruhig und schien fast einzuschlafen, – wir vermuten, dass man ihr irgendein Mittel verabreicht hat…

In der Nacht konnten wir dann beobachten, wie die beiden Polizisten neben ihr ebenso schliefen: ein ruhiges Bild und eine zugleich seltsam anmutende Situation: Während das Flugzeug bei hellem Mondschein seelenruhig durch die Nacht fliegt, wird uns zugleich bewusst, wie ungerecht diese Welt ist, die da unter uns liegt…

In Santa Cruz kommen wir wohlbehalten an und wundern uns, dass der Flughafen nur etwas größer ist, als der Paderborner, obwohl er der größte des Landes ist. Zudem läuft Frau Assmuths Koffer plötzlich ganz alleine über das Rollband in der Abfertigungshalle, obwohl wir doch erst im Cochabamba unser Gepäck bekommen sollen…

Nach einem zweistündigen Aufenthalt, den wir zum Geldwechseln in einer Wechselstube benutzen, fliegen wir mit einer kleineren Maschine weiter nach Cochabamba, unserem ersten eigentlichen Ziel. Unter uns beobachten wir aus der Luft hohe felsige Berge, die völlig ausgetrocknet erscheinen, – es ist Trockenzeit und erst im November/Dezember beginnt es zu regen.

Im Anflug auf Cochabamba sehen wir erste Felder und viele Neubaugebiete: einfache kleine Häuser mit Wellblechdach. Zudem sind sie alle unverputzt und wirken dadurch fast wie Ruinen.

Nach der Landung brauchen wir gar nicht lange auf unser Gepäck zu warten: Alles ist da und Frau Assmuth durchfährt ein Freudenschrei, als sie ihren Koffer entdeckt!

Angesichts unseres vielen Gepäcks aufgrund der zahlreichen Sachspenden, die die Menschen hier erfreuen werden und für die wir uns noch einmal herzlich bedanken möchten, müssen wir gleich drei Taxen nehmen. In wilder Fahrt geht es dann durch die Stadt: Wer am meisten hubt, scheint Vorfahrt zu haben!

Zugleich ein irritierendes Bild: Auf der Straße fahren eher teurere Geländewagen und SUVs, am Straßenrand sieht man dagegen einfache, fast verfallene Häuser und Verkaufsstände mit Frauen und Kindern, die Obst, Salat und Wassereis anbieten. Zugleich laufen Hunde an der Straße entlang.

Im Kloster der Steyler Missionsschwestern werden wir herzlich willkommen geheißen. Und eine Überraschung wartet auf uns: Schwester Maria Julia, unsere Ansprechpartnerin in  Tapacari, ist vor Ort und umarmt uns herzlich, – eine riesen Freude!

Nachdem wir unser ganzes Gepäck aus den Taxen ins Haus gebracht haben, gibt es Essen: Huhn, Reis, Gemüse, Salat und sehr, sehr leckere Kartoffeln. “Wir hauen rein”, denn seit unserer letzten Mahlzeit ist einige Zeit vergangen…

Nun sitzen wir hier sehr müde, aber glücklich am Computer der Schwestern und freuen uns, dass es gleich morgen um 8.00 Uhr in der Frühe los geht nach Tapacari. Dort werden wir aber voraussichtlich keinen Empfang haben. Wann wir uns also das nächste Mal melden, ist ungewiss, aber wir grüssen Sie und euch und möchten uns auch noch einmal für die in der Schule gesprochenen Gebete und die uns in dem Aussendungsgottesdienst übergebenen Segenskarten bedanken! Das tut sehr gut!

Mit vielen Grüßen

Julia Assmuth und Christoph Paetzold