Une bonne soirée au théâtre

Ein Bericht von Vera Kichelmann (Jgst. 12)

tnt-theatre-2Mit einer beschaulichen Gruppe von neun Leuten besuchten wir, Schüler der Französisch-Kurse der Q1 und Q2 in Begleitung von Frau Höning und Frau Stratmann, am 22.11.16 eine Aufführung der Komödie „Le Malade imaginaire“ des großen französischen Dramatikers Molière (1622-1673) in der Paderhalle.
Das Stück handelt von dem kränklichen Herrn Argan, der sich, von zahlreichen vermeintlichen Leiden geplagt, als nicht allzu angenehmer Zeitgenosse erweist und seiner Familie mit seiner unausstehlichen Art zur Last fällt. Um einen Mediziner in der Verwandtschaft zu haben, will er seine Tochter Angélique mit dem Arztsohn Thomas Diafoirus verheiraten, was ihr und dem Dienstmädchen Toinette aufgrund einer heimlichen Liebschaft widerstrebt.
Bei einem ungewollten Aufeinandertreffen von Angélique und ihrem zukünftigen Gatten Thomas wird ihr die bevorstehende Katastrophe der Verheiratung mit dem unbeholfenen und einfältigen Medizinstudenten bewusst. Aus der verzweifelten Situation weiß sie sich nur durch eine List zu befreien: Toinette und Argans Bruder Béralde, der sich ebenfalls gegen die erzwungene Heirat ausspricht, inszenieren den Auftritt eines zweifelhaften Arztes (Toinette selbst in Maskerade), der Argan letztlich von der Täuschung und Überheblichkeit des Medizinerwesens überzeugt.
Argans schlussendliche Erkenntnis über sein egoistisches Verhalten lässt ihn gnädig werden – er erlaubt seiner Tochter die Heirat mit ihrem Geliebten Cléante und wird auf humorvolle Weise selbst in den Doktorstand erhoben.

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Besonders deutlich wurde bei der Inszenierung die Kritik am Autoritätsglauben, dem auch Argan unterliegt. Als Angehöriger der Oberschicht fühlt er sich in der Rolle des umsorgten, alternden Herrn besonders wohl. Er schenkt selbst falschen Diagnosen Glauben und verhält sich ihnen entsprechend; sobald jemand eine Robe trägt, ist seine Aussage Gesetz und er selbst natürlich todkrank. In diesem Irrglauben maßt er sich an, seine Familie sowie das kecke Dienstmädchen Toinette, herumzukommandieren und hält mit seinen Launen und egozentrischen Forderungen nicht hinter dem Berge.
Das kindliche Streben nach Aufmerksamkeit und Zuwendung, das dem Protagonisten innewohnt, ist durch das Schauspiel gut transportiert worden, etwa durch die ausdrucksstarke Gestik oder das Lamentieren über seinen gesundheitlichen Zustand. An dieser Stelle haben auch Kostüm und Requisiten überzeugt; man darf sich den eingebildeten Kranken im weißen Rüschenhemd, mit Schlafmütze und leidender Miene in einem Sessel sitzend vorstellen.
Ebenfalls überzeugend war Haushälterin Toinette, deren freche, fast aufmüpfige Art gut zum Ausdruck kam. Sie zeichnet sich dadurch aus, für jegliche Probleme, die Argan der Familie beschert, geistreiche Lösungen zu finden und scheut sich nicht davor, ihrem Herrn Widerworte zu geben. Zudem agiert Toinette als gute Freundin und Verbündete für Angélique – dieses Verhältnis wurde auf der Bühne durch ein harmonisches Zusammenspiel deutlich, wobei die vielen komödiantischen Elemente zum Tragen kamen.
Die eher schwärmerische Angélique bot die passende Ergänzung zu dem energischen Dienstmädchen, das Schauspiel wirkte im Gesamteindruck ungezwungen und daher authentisch.
Ein kleiner Wermutstropfen war hierbei die relativ schlichte Kostümierung der beiden weiblichen Figuren Toinette und Angélique; vor allem Letztere stellt man sich eher in einem üppigen, mädchenhaften Kleid vor, anstatt in einfacher Bluse und knabenhafter Pluderhose, denn so eine Aufmachung wäre für eine junge Frau im 17. Jahrhundert undenkbar gewesen. Dies ist jedoch lediglich eine Frage des ästhetischen Anspruchs des Zuschauers, eine Feinheit, die der Inszenierung im Gesamten keinen Abbruch tat.
Außerdem erwähnenswert ist die Figur Béline, Argans Gattin, die, trotz ihrer wenigen Auftritte, bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Béline erweist sich, für eine Frau der damaligen Zeit, als ungewöhnlich emanzipiert. Nach außen hin gibt sie sich als liebende und fürsorgliche Gemahlin, im Grunde aber ist sie nur auf das Materielle, das Argan ihr zu bieten hat, fixiert. Die Darstellerin hat ihren berechnenden, kühlen Charakter überzeugend verkörpert und durch gelangweilte Mimik und scharfzüngige Kommentare ihre desinteressierte Haltung gegenüber Argan verdeutlicht.
Herausragend war der Auftritt von Béralde, der als Gegner der Medizin und mit viel Witz und Charme eine Kontrastfigur zu seinem hypochondrischen Bruder darstellt. In der Aufmachung eines Edelmannes, mit eleganten königsblauen Rockschößen, schritt er ungemein anmutig über die Bühne und versetzte auf diese Weise den Zuschauer in die Atmosphäre des 17. Jahrhunderts.

Im Ganzen glänzte die Inszenierung durch das Zusammenwirken der schauspielerischen Leistung, des schlicht gehaltenen, aber dennoch stimmigen Bühnenbilds und der Lautenmusik, die während der heiteren, komödiantischen Szenen einsetzte.
Obgleich die in dem Theaterstück auftretenden Figuren typenhaft angelegt sind, hat Molière jeder einzelnen Figur individuelle Charakterzüge verliehen. Diese Eigenheiten wurden von den Darstellern aufgegriffen und auf treffende, amüsante Weise widergespiegelt.
Die Inszenierung zeigte, dass es nicht unbedingt einer reichen Ausstattung an Requisiten und Kostümen bedarf, um die Einzigartigkeit und Komik des „Malade imaginaire“ darzubieten – denn das ist dem Ensemble zweifelsohne gelungen.

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