Bolivienwoche 2021

Gedanken zum Thema „Gesicht“

Die Bolivienwoche im Jahr 2021 steht angesichts der Corona-Pandemie und des damit verbundenen Distanzunterrichts unter ganz anderen Vorzeichen, als das in den vergangenen Jahren der Fall war. Daraus entstand die Idee, jeden Tag in der Bolivienwoche einen Impuls auf der Schulhomepage zu veröffentlichen, der zum Nachdenken anregen und unsere Verbundenheit mit den Menschen in Bolivien zum Ausdruck bringen soll. Wie ein roter Faden zieht sich dabei das „Gesicht“ als bestimmender Gedanke durch alle Impulse, die im Folgenden noch einmal nachgelesen werden können.

Montag, den 1. März 2021:

„Das Gesicht der Welt verändern“

Zwei Fotografien. Zwei völlig verschiedene Welten.

Die eine in Europa. Die andere im fernen Südamerika.

 

Zwei Fotografien. Zwei verschiedene Welten.

Mädchen in Deutschland. Jungen in Bolivien.

 

Zwei Fotografien. Zwei Welten.

Schülerinnen unserer Schule. Jungen des Internats in Tapacari.

 

Zwei Fotografien. Eine Welt.

Die Schülerinnen sammeln Geld für den Bau einer Wasserzisterne in Tapacari. Die Jungen können mit dem gesammelten Regenwasser aus der Zisterne ein Feld bestellen.

In einem Sprichwort heißt es: „Viele kleine Leute, die an vielen kleinen Orten viele kleine Dinge tun, können das Gesicht der Welt verändern“ – allen Unkenrufen zum Trotz!

 

Hinweis:

Das linke Bild wurde während des Sommerfestes 2018 aufgenommen, dessen Erlös einem Projekt im bolivianischen Tapacari zur Versorgung eines Feldes mit Regenwasser zugute kam. Das rechte Bild zeigt zwei Jungen aus dem Internat in Tapacari während der Feldarbeit.

 

Dienstag, den 2. März 2021:

„Das Gesicht (be)wahren“

Wie oft gibt es Situationen, in denen es gilt, mein Gesicht zu wahren: In der Familie, in der Schule, im Beruf. Vor Fremden und vor Freunden.

Auch viele Menschen in Mittel- und Südamerika versuchen ihr Gesicht zu wahren. Die Bewohner der Elendsviertel am Rande der Großstädte legen zum Beispiel sehr viel wert auf ihr äußeres Erscheinungsbild, um nicht als arm erkannt zu werden.

Der Kreuzweg in der Vitrine vor unserer Schulkirche ist so gestaltet, dass Angehörige der indigenen Bevölkerung Jesus auf seinem Weg ans Kreuz begleiten. Sie solidarisieren sich mit ihm, indem sie (wie Simon von Cyrene) sein Kreuz mittragen oder ihm (wie Veronika) das Schweißtuch reichen.

Diejenigen also, die oft nicht viel im Leben zu lachen haben, die ihr Gesicht wahren müssen, um nicht als arm, vertrieben oder obdachlos identifiziert zu werden, wissen aus eigener Erfahrung um die Situation Jesu − und versuchen durch ihr mutiges Eintreten mit dem Schweißtuch sein Gesicht zu (be)wahren.

Dabei machen sie die Erfahrung: Jesus wahrt sein Gesicht nicht! Der Abdruck ist deutlich auf dem Tuch sichtbar und besteht aus Blut, Schweiß und Tränen. Ein Gesicht also, dem das Leid nicht fremd ist.

In der Schöpfungsgeschichte heißt es, dass wir Menschen nach „Gottes Abbild“ geschaffen sind. Ob auch wir dieses Abbild gegenseitig (be)wahren können?

Hinweis:

Der Kreuzweg wurde von einem südamerikanischen Künstler geschaffen. Anlässlich der Bolivienwoche werden einzelne Stationen in der Vitrine vor unserer Kirche ausgestellt.

 

Mittwoch, den 03. März 2021:

Ein lächelndes Gesicht

− Oder: Nimm dir Zeit für eine Ladung Glückshormone!

Ein Lachen ist die kürzeste Verbindung zwischen zwei Menschen…

Begib dich in eine entspannte Sitzhaltung, entspanne deine Schultern, dein Gesicht ist weich und deine Hände liegen auf den Knien oder Oberschenkel. Schließe die Augen und beobachte für ein paar Atemzüge, wie dein Atem durch die Nase ein- und ausströmt.

Richte deine Aufmerksamkeit auf dein Herz und visualisiere eine glückliche Erinnerung. Das kann ein bestimmtes Ereignis oder eine Begegnung sein. Oft genügt es, an einen Menschen zu denken, mit dem dich viele glückliche Momente verbinden. 

Warte nun, bis von ganz alleine ein Lächeln kommt. Vielleicht ist dieses für die Außenwelt nicht sichtbar, aber du nimmst das Gefühl von Lächeln und Glück in dir wahr. Lasse dieses Gefühl groß werden, genieße es und „bade” dich förmlich darin. Vertiefe dann die Atmung und öffne langsam die Augen. 

(vgl. Meditation von Ursula Karven)

Hinweis:

  • Das Foto zeigt einen Jungen, der in einem Dorf in den umliegenden Bergen Tapacaris lebt, das Mitglieder der Schulgemeinde während ihrer Bolivienreise im Jahr 2015 besuchten.

 

Donnerstag, den 04. März 2021:

Gesicht zeigen

Das Gesicht ist sicherlich eines der wichtigsten Partien des menschlichen Körpers.

Über das Gesicht erkennen wir andere Personen wieder.

Vor allem nehmen wir die Emotionen unseres Gegenübers über das Gesicht wahr.

 

Die Schuhputzer in der bolivianischen Großstadt La Paz verbergen ihr Gesicht.

Sie tragen dicke Wollmasken, um der Gefahr zu entgehen, erkannt zu werden.

 

So können wir nicht sehen, was sie denken oder fühlen.

Wir können nur erahnen, dass sie große Angst vor dem sozialen Stigma haben, für alle nur der Schuhputzer zu sein.

Denn das Putzen von Schuhen gilt als die niedrigste Arbeit in der bolivianischen Gesellschaft.

 

Was wird ein Schuhputzer denken, wenn er an Gründonnerstag im Gottesdienst hört, dass Jesus seinen Jüngern die Füße gewaschen hat?

Wird er nicht innerlich froh werden und denken: „Jesus, das ist einer von uns. Vor ihm brauche ich mein Gesicht nicht zu verbergen.“

 

Und wenn er dann noch die Forderung Jesu hört, dass alle Menschen einander die Füße waschen sollen, wird er dann nicht innerlich jubeln, weil ihm schlagartig bewusst wird:

Gott will eine Gesellschaft, die nicht aufgeteilt ist in Arm und Reich,

in Menschen, die dienen, und Menschen, die herrschen,

sondern eine Gesellschaft, in der alle füreinander da sind und sich auf Augenhöhe begegnen.

 

Für diese Gesellschaft sollten wir uns einsetzen.

Für diese Gesellschaft sollten wir „Gesicht zeigen“.

Damit auch die Schuhputzer und viele weitere Menschen, die ihr Gesicht verbergen müssen, ihr Gesicht zeigen können.

 

Hinweis:

  • Wer mehr über die Situation der Schuhputzer in Bolivien erfahren möchte, dem sei der Artikel „kulturweit: Schuhputzer in Bolivien – Der Gesellschaft zu Füßen“ empfohlen, der hier  zu finden ist.

 

Freitag, den 04. März 2021:

Begriffe bekommen Gesichter

Liebe Schulgemeinde,

im vergangenen Jahr haben Schülerinnen und Schüler unserer Schule während der Bolivienwoche eine symbolische Brücke nach Bolivien und in die ganze Welt gebaut.

Es lohnt sich, die einzelnen Brückenbausteine mit ihren Begriffen zu betrachten und sich zu vergegenwärtigen, dass dahinter Erfahrungen stehen, die Menschen erleben, egal in welchen Ländern sie leben. So bekommen Begriffe Gesichter.

Am Ende dieser Woche möchte ich einladen, mit mir gemeinsam zu beten:

Gott, mache uns zu Mitarbeitenden deines Friedens,

dass wir Verbindung schaffen, wo Streit und Ungerechtigkeit herrschen;

dass wir Glauben bringen, wo Zweifel droht;

dass wir Hoffnung wecken, wo Verzweiflung quält,

dass wir Liebe verbreiten, wo gehasst wird;

dass wir Freude bringen, wo Kummer wohnt.

Mögen auch wir als Kraftquelle Glaube, Hoffnung und Liebe erfahren.

Möge der Segen Gottes die Menschen dieser Welt berühren.

M. Niedzwetzki, Schulseelsorger